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Die alte Welt

Türkei, 29.07.2019

Da waren wir nun also, auf der Autobahn D1 von Prag Richtung Osten. Unsere Routenplanung war bereits über den Haufen geworfen und die Party in Rumänien als unnötiges Hindernis auf dem Weg nach Asien befunden worden. Hier sind die Highlights dieses Weges.

Der Vorteil in Zentraleuropa: Die Autobahnen sind sehr gut ausgebaut. Der Nachteil: Man ist so schnell durch, dass man sich nicht richtig auf das Land einlassen kann, durch welches man gerade fährt. Interaktionen mit der lokalen Bevölkerung beschränkt sich auf grimmige Zollbeamten, gelangweilte Vignetten-Verkäufer und Tankstellenbetreuer. Über Brünn geht es erstmal in die Slowakei, die wir gerade genug streifen, um eine Vignette erwerben zu müssen.

Da an diesem Punkt noch viele andere Rally-Fahrer diese Grenze übertraten, waren wir einer von vielen FIAT-Panda-Fahrern in der Vignetten-Schlange. Die Beamtin mittleren Alters zeigte sich verwundert darüber. Als Lucas ihr erklärte, dass die alle in die Mongolei fuhren, schien das ihr Smalltalk-Rechenzentrum zu überlasten und sie reichte ihm wortlos die Quittung. Weiter ging es an Bratislava vorbei nach Ungarn. Da waren die Vignetten-Verkäufer überhaupt nicht mehr an Small-Talk interessiert.

Die erste Nacht verbrachten wir in Kecsemét, kurz nach Budapest. Das kleine Apartment war eine Wohltat nach einem duschfreien Campinggelände (bis auf die obligatorische Bierdusche natürlich). Der kleine Vorort hatte allerdings sonst nicht viel zu bieten, ausser einem günstigen All-You-Can-Eat-Grill, einer Tankstelle und ein paar Wohnblocks, um die wir zur Verdauung noch eine Runde drehten. Ein bisschen das Dietlikon von Ungarn. Einfach ohne IKEA.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Rumänien, wo sich ein erster deutlicher Bruch mit den bisherigen europäischen Ländern zeigte. Weil Rumänien bereits seit 2016 an einer EU-finanzierten Autobahn bauen (wie sie stolz auf riesigen Tafeln kundtun), müssen wir praktisch durchgehend auf schlaglochreiche Landstrassen ausweichen. Die kurzen Umwege durch das ländliche Gebiet werfen uns auf eine sehr klischeehafte Weise in der Zeit zurück. Vermehrt kommen uns Rosskarren auf dem Pannenstreifen entgegen, die Holz oder ganze Heuhaufen transportieren. Vor selbst zusammengezimmerten Holzhütten wächst Mais, hängen Wäscheleinen und schieben Hunde Wache. Von der Arbeit gebückte Mütterchen mit Kopftuch sehen unserem Wagen mit steinernem Blick nach. Im starken Kontrast dazu passieren wir gigantische, dystopisch anmutende Atom- und Kohlenkraftwerke, die Beznau II wie einen Mini-Taschenrechner aussehen lassen.

Mit den spärlicher werdenden Autobahnen nimmt leider auch die Dichte der Raststätten ab, weshalb unsere Blasen nach einer ewig scheinenden Zeit dankbar sind, das McDonalds Zeichen am Horizont zu erblicken. Danke Globalisierung!

Das Ziel für den Tag heisst Sibiu. Oder Hermannstadt, wie die deutschen Siedler diese Stadt einst tauften. Der Ort ist eine wahre Augenweide. Wir befinden uns in einer schönen Altstadt, wie sie Europa zu tausenden kennt. Allerdings mit dem Unterschied, dass man hier im überteuerten Zentrum für umgerechnet 44 Franken zu zweit ein Dreigangmenu mit gutem lokalem Weizenbier geniessen kann. Natürlich mit der obligatorischen Schweizer Familie am Nebentisch, welche die gleiche Idee hatte.

Weil wir trotz einem intensiven Jahr der Vorbereitung die Hälfte unserer Papiere zuhause vergessen haben, suchen wir aber zuvor eine Druckerei in einem alten Kellergewölbe auf. Der sympathische Typ druckt uns für knapp einen Franken alle nötigen Dokumente und wir können die Reise unbesorgt fortsetzen.

Immer holpriger werden die Strassen, immer zahlreicher die Rosskarren und dann steht plötzlich eine kolossale Brücke vor uns. Es ist die Grenze zu Bulgarien. Einem Land, das uns so fremd war, dass wir nicht einmal ein Klischee im Kopf hatten. Nachdem wir dem rumänischen Grenzposten sechs Euro zahlten (für was wissen wir nicht so genau), ging es über die erste richtige Grenze, seit wir unsere geliebte Heimat verlassen hatten. Die Wartezeit betrug geschmeidige 15 Minuten und ging ohne Durchsuchen unseres Fahrzeugs von statten. Da wir die Vignette für Bulgarien bereits sehr spontan online gelöst hatten, kamen wir also alles in allem ohne grosse Verzögerung durch. Der Verkehr wurde jetzt aggressiver, die Strassen aber zum Glück wieder etwas besser. Wenn die Rumänen konstant 10 km/h zu schnell fuhren, so waren es bei den Bulgaren nun 20 km/h. Allgemein lässt sich über unsere Reise in den Osten sagen, dass der Kulturwandel sich in feineren Abstufungen vollzieht. Etwas, was einem mit dem Flugzeug deutlich weniger bewusst wird.

Mit diesen Gedanken erreichen wir die Stadt Weliko Tarnowo, die vor Geschichte nur so trieft. Im zweiten Bulgarischen Reich war sie Regierungssitz und noch heute wird sie Kulturhauptstadt genannt. Wie eine Sichel schmiegen sich die Häuser an die umliegenden Berge und blicken auf ein gigantisches Denkmal für die Asen-Dynastie, die 1185 erfolgreich gegen die Byzantiner rebellierte.

Aus lauter Bewegungsdrang rennt der juvenile Teil unserer Zweiergruppe agil wie ein Reh auf den höchsten Hügel der Stadt. Der andere folgt in gemässigterem Tempo. Von oben erkennen wir eine Burg am gegenüberliegenden Hang. Schnell ist der Entscheid gefasst auch dieser noch einen Besuch abzustatten. Der Herr, der uns am Eingang freundlicherweise Studentenrabatt gewährt, zeigt mit einem Finger auf die Uhr und jagt uns förmlich den Hügel hoch, damit er seinen Feierabend nicht verpasst. Nachdem wir im Eiltempo die Mauern und die orthodoxe Kirche besichtigt hatten, sahen wir den Kassierer bereits in der Beiz sitzen, von wo er andere Touristen auf die Unzeit ihrer Besichtigung aufmerksam machte.

Weliko Tarnowo wurde seinem Ruf als Kulturhauptstadt gerecht: Am Abend spielte sich im Park vor unserem Hotel ein Volksfest ab. Tänzerinnen und Tänzer aus Russland, China, Lateinamerika und Afrika gaben ihre Tanzkünste zum Besten. Die nackten Beine der Tangotänzerinnen winken uns noch einmal zu. Wir verlassen Europa. Bein zeigen geziemt sich bald nicht mehr.

Nach einem üppigen Frühstück am nächsten Morgen ging es weiter zur türkischen Grenze und damit endgültig aus der EU. Das merkte man daran, dass wir gleich zweimal aus der Warteschlange gebeten wurden und unsere Papiere, sowie Teile unseres Gepäcks kontrollieren lassen mussten. Einmal von einer mürrischen Bulgarin und einmal von einem sehr wichtig aussehenden Türken. Beide sahen allerdings bald ein, dass wir nichts interessantes transportierten und so liessen sie uns jeweils noch ein bisschen warten, bis wir zirka eine Stunde nach Ankunft endlich in die Türkei aufbrechen konnten.

Wenn wir vorhin von leichten bis mittelschweren Geschwindigkeitsübertretungen gesprochen haben, so schien es jetzt auf der Strasse keine Gesetze mehr zu geben. Bis auf eines: Wer über den Bosporus fahren will, muss einen HGS-Streifen auf sein Auto kleben und diesen mit einem gewissen Maut-Betrag aufladen. Das System ist einfach. Eigentlich.

Allerdings war es für uns nicht ganz einfach an einen solchen HGS-Sticker zu kommen. Im Internet war zu lesen, dass er an manchen Tankstellen und in Geschäftsstellen der PTT erhältlich ist. Leider sagte uns ein alter Herr an der ersten Tankstelle nach der Grenze, dass sie diesen nicht führten. Zum Glück gab es direkt neben der Tankstelle eine Poststelle. Der Beamte hatte aber gerade Mittagspause. Wir klopften, niemand öffnete. Der alte Herr lachte und machte eine schlafende Geste.

Kein Problem, dachten wir. Gehen wir zur nächsten Poststelle. Diese befand sich neben einer Universität, wohin wir durch einen endlosen Wirrwarr aus halsbrecherischen Autofahrern, Barrieren und zugeparkten Strassen navigieren mussten. Wir fanden die Poststelle, doch der Angestellte darin verwies uns nur an eine grössere Poststelle und gestikulierte entschuldigend, er könne nichts für uns tun. Also suchten wir weiter und mussten nach einem kurzen Offroad-Abenteuer in die Pampa hinaus feststellen, dass Google Maps in der Türkei nur bedingt akkurat ist und geschätzt die Hälfte aller eingetragenen Poststellen gar nicht existieren.

Schliesslich begaben wir uns frustriert und völlig illegal auf die Autobahn. Und stellten da fest, dass wir den Klebestreifen auch ganz bequem an der ersten Autobahnraststätte hätten erwerben können. Mit neuem Elan brettern wir über den Bosporus und lassen die alte Welt endgültig hinter uns.

Da ahnten wir noch nicht, dass das nur der Beginn des Chaos sein sollte, welches uns in der Türkei erwartete. Doch mehr dazu im nächsten Blogeintrag …

Brücke über den Bosporus