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Brennendes Methan an der Seidenstrasse

Schweiz, 27.07.2020

Bis zum 21. Dezember 1991 gab es 15 sowjetische Unionsrepubliken, die als UdSSR einen kommunistischen Zentralstaat bildeten. Eine dieser Republiken betraten wir durch eine grosse Halle, in der iranische Grenzposten gerade zu Ende frühstückten und aus ihrem wohlverdienten Dienstnickerchen erwachten.

Wir, das sind zwei Spanier, zwei Neuseeländer, zwei pensionierte Italiener und das Team Bünzlitrucke. Die zwei pensionierten Italiener standen bereits eine Stunde ratlos an der Grenze, bevor unser Konvoi eintraf. Während wir warteten, dass ein iranischer Beamte mit zwei Fladenbroten unter dem Arm im Schneckentempo hinter den Schalter schlurfte, wurde uns klar, dass wir wohl eine Weile an diesem Grenzübergang bleiben würden.

Nach der unorganisierten, nicht besonders motivierten iranischen Grenze war die streng geregelte, aber zuvorkommende turkmenische Grenze eine angenehme Überraschung. In Militäruniform mit einer Art Ranger-Hüten wiesen uns die jungen Grenzbeamten von einem Posten zum anderen. Die Passagiere wurden nach kurzer Passkontrolle über die Grenze gewiesen, während die Fahrer wie im Monopoly über verschiedene Stationen gehen mussten und zwischendurch immer wieder der Bank etwas Geld abgaben.

Im Gegensatz zu Monopoly ging es aber zum Glück nicht auf direktem Weg ins Gefängnis, sondern auf direktem Weg nach Norden, zum Derweze. Inzwischen hatten sich uns zwei weitere Italiener angeschlossen, die laut eigenen Angaben «always late» sind. Die ersten dreissig Kilometer Strasse führten durch militärisches Sperrgebiet in dem weder Fotografieren noch Stoppen erlaubt war. Bereits nach wenigen Metern rannte ein Steinbock über die Strasse, der die Regel mit dem Nicht-Stoppen sehr genau nahm. Weniger genau nahm es da das Pferd, welches nach weiteren Kilometern seelenruhig mitten auf der Strasse stand. Naturschönheiten hatte diese Militärzone auf jeden Fall zu bieten. Nachdem uns auch der letzte Soldat durch eine Schranke gewunken hatte, sahen wir die weisse Stadt endlich vor uns: Ashgabat. Eine surreal wirkende Grossstadt mit zahlreichen übertriebenen Prunkbauten, wenigen Leuten und meterhohen goldenen Statuen, die grimmig und stolz von den Kreiseln starrten. Da ein Atatürk, dort ein Turkmenbashi, hier ein Pferd. Alles wirkte sehr steril. Die Einheimischen, die auf der Seite der Strasse nach einer Mitfahrgelegenheit suchten, lächelten uns deutlich weniger zu als im Iran. Dafür war der Verkehr wieder gesitteter geworden.

Inmitten der vielen weissen Chevrolets stachen die farbenfrohen Mongol Rally Autos beissend hervor, als sie sich einen Weg zum russischen Markt bahnten. Der Markt gab sich im Gegensatz zum Rest der Stadt erstaunlich normal. Leute versuchten, uns ihre Ware anzudrehen und es gab wieder Alkohol zu kaufen, russischen Vodka. Wir erwarben aber erstmal nur Gemüse, welches wir am Abend neben dem brennenden Gaskrater in der Wüste zubereiten wollten. Eine freundliche Verkäuferin schenkte uns sogar eine Zwiebel. Dann ging es weiter, raus aus der fast gespenstisch leer wirkenden Metropole in die schlaglochreiche Realität zurück. Waren die Strassen bis Ashgabat noch tadellos gewesen, so war die Hauptstrasse, die quer durch die turkmenische Wüste nach Norden führte, die erste harte Prüfung für unseren Fiat Panda. Zum Glück war die Strasse breit und Strassenmarkierungen inexistent, so dass man zumindest in der Theorie genug Platz zum Ausweichen hatte. Zufälligerweise entdeckten wir vor dem «Tor zur Hölle» (Derweze) noch einen grossen, mit Wasser gefüllten Krater. Beeindruckend war leider nicht nur das massive Loch, sondern auch die Insel von Plastikflaschen, die sich auf dem Wasserspiegel in der Tiefe sammelten. Grün ist in Turkmenistan nur die Flagge.

Gut durchgeschüttelt kamen wir schliesslich aber zur Sandstrasse, die zum brennenden Gaskrater hin abbog, der Hauptattraktion Turkmenistans. Die Einheimischen machten hier gute Geschäfte, indem sie neben einer «zufällig» aufgeschütteten Sanddüne warteten bis ein Mongol Rally Team stecken blieb, um es dann gegen eine Gebühr von 200 Manat wieder zu befreien. Die Spanier haben Glück, denn wir ziehen sie gratis raus. Weniger Glück hatte das Team «The Really Channel», welches sich dazu verleiten liess, neben der Strasse durch den Sand zu fahren, von wo es nur durch die Mithilfe aller wieder befreit werden konnte. Am Krater angekommen wird schnell klar, dass sich hier ein Hotspot der Rally befindet. Zahlreiche Mongol-Rally-Autos warten auf dem Parkplatz, beim Krater oder quer über das Gelände mitten in der Wüste verteilt. Turkmenen mit Bier in Kühlboxen fahren von Auto zu Auto und versorgen so die aus dem alkoholfreien Iran kommenden Gaumen der Rally-Fahrer.

Wenige Tage zuvor war im Staatsfernsehen vermeldet worden, dass der turkmenische Präsident an diesem Feuerkrater Donuts mit seinem Geländewagen gedreht hat (kein Witz). Den Präsidenten haben wir nicht erblickt, aber die Flammengrube war auch so beeindruckend. Zu Sowjetzeiten wurde das austretende Methan hier angezündet und brannte bis heute munter weiter. Fun Fact: Das bei der Verbrennung des Methans entstehende CO2 ist für das Klima weniger schädlich, als wenn das Methan ungehindert austreten würde. Weniger klimafreundlich sind allerdings die Pläne der turkmenischen Regierung, den Krater nach erlöschen der Flammen künstlich am Brennen zu halten. Natürlich ist es fraglich ob sich das bei den paar verirrten Touristen in Turkmenistan wirklich rechnet. Nach den gigantischen leeren Bauten in Ashgabat scheint es aber gewagt auf eine Kosten/Nutzen-Rechnung der Regierung zu hoffen.

Im glühenden Licht des Kraters rüsten wir unser gekauftes Gemüse und gönnen uns einen Camping-Schmaus, nur unterbrochen durch einen Bierverkäufer und einen überdimensionierten schwarzen Käfer, der sich einen Spass daraus machte, Christophs Hosenbein zu erklimmen.

Panorama Derweze Krater am Abend

Als wir am nächsten Tag erwachen, waren die Neuseeländer bereits fort. Dafür verpassen sie ein grosses Gruppenfoto vor dem Krater, initiiert vom finanziell gebeutelten Team «The Really Channel». Richtung Hauptstrasse mussten wir wieder denselben Weg nehmen wie zum Derweze. Allerdings waren die Einheimischen so früh noch nicht an der Düne und so lag es an den Rally-Teams, die Spanier abermals aus dem Sand zu ziehen.

Zurück auf der Hauptstrasse wurde deren Zustand zunehmend schlechter und der Tank unseres Fiats zunehmend leerer. Auch wenn wir noch einen Reservekanister im Kofferraum hatten, waren wir froh, als wir mit brennender Warnleuchte endlich die erste Tankstelle nach der Wüste erreichten. Dort wurde uns neben Benzin und Wasser auch ein frisch erlegter Wildhund angeboten. Wir lehnten dankend ab, denn wir wussten nicht wie wohlwollend die usbekischen Grenzposten darauf reagieren würden. Stattdessen schlossen sich uns zwei Engländer an, die das gleiche Ziel wie wir hatten.

Nachdem wir uns mehr durch die Schlaglöcher zur Grenze gekämpft hatten, empfingen uns wiederum sehr junge und sehr freundliche Grenzbeamten. Einer gab uns sogar einen wertvollen Tipp für Zentralasien mit auf den Weg: «Wartet nie in einer Warteschlange». Diesen Rat befolgten die Beifahrer unserer Teams sofort und schlichen neben ein paar stämmigen turkmenischen Grossfamilien nach vorne zum Schalter. Nachdem auch die Fahrer genug kontrolliert worden waren, ging es weiter nach Usbekistan. Diese Grenze war etwas weniger geregelt, dafür ziemlich klein. Ein Grenzbeamte führte einige Tricks mit seinem Hund auf.

Wenig später fuhren wir in ein Land, das uns wieder ein bisschen an Rumänien erinnerte. Eselskarren verkehrten auf der Strasse (oder dem Flickenteppich, den man mit gutem Willen eine Strasse nennen könnte). Das Land war wieder grüner und die Menschen wieder zahlreicher.

Khiva hiess unser Ziel, weil wir unterwegs festgestellt hatten, dass es in gleicher Distanz wie unser ursprüngliches Ziel Nukus lag. Jedoch befand sich Khiva schon einiges weiter östlich, was uns einen kleinen Vorsprung verschaffen würde. Nach der Wüste freuten wir uns alle auf eine Dusche und so stoppten wir vor der Ortschaft kurz, um im Reiseführer der Engländer nach einem Hotel zu suchen. Just in diesem Moment bremste ein Auto vor uns und eine junge Frau mit Kind im Arm stieg aus. Sie sagte uns, dass sie ein Hotel in der Stadt besitze und wir für 10 Dollar pro Person dort übernachten könnten. Wir entschlossen uns dem Hotel eine Chance zu geben und fuhren ihr nach.

Langsam fuhren wir im Konvoi durch einen Seiteneingang hinter die historischen Stadtmauern aus Lehm und Stroh. Die Unterkunft war heimelig, aber auch etwas schmuddelig. Weil alles mit Teppichen ausgelegt war, mussten wir zuerst mal die Schuhe ausziehen. Wir entschieden uns für eine Nacht zu bleiben und erkundeten die Stadt. Der ganze Ort wirkte fast wie eine Disneyland-Version des Orients mit seinen Souvenir-Basarständen, verzierten Minaretten und engen Gässchen, die praktisch alle autofrei waren. Händler boten Highlights wie seltsame Fellmützen, Porzellanfiguren und Brotstempel zur Verzierung von Brot an. Offenbar fanden auch viele andere Touristen hierher, weil Usbekistan vor nicht allzu langer Zeit seine Einreisebestimmungen gelockert hatte. Nach den zwei abgeschotteten Ländern zuvor war das aber eine willkommene Abwechslung.

In einem Restaurant auf dem Hauptplatz trafen wir die Neuseeländer wieder, die einen sehr langen und sehr beschwerlichen Umweg auf sich nahmen, um die verrosteten Boote im ausgetrockneten Aralsee zu bewundern. Allerdings wurde ihnen die Zeit dann doch zu knapp, weshalb sie auf halbem Weg Richtung Khiva steuerten. Nachdem wir uns gebührend mit ihnen ausgetauscht hatten, machte sich unsere Gruppe selbst auf den Weg, um etwas essbares zu finden. Das Restaurant unserer Begierde unter einem historischen Iwan (dem Moscheebogen, nicht der Person) war leider schon ausgebucht und so gingen wir suchend durch die engen Gassen. Weil anscheinend die ganze Touristenmasse von Khiva hunger hatte, fanden wir nur noch im sehr warmen Innenraum eines Restaurants Platz für unsere zusammengewürfelte Truppe. Zum Glück kam nach einiger Zeit einer der Bediensteten auf die Idee, die Klimaanlage einzuschalten und so studierten wir erquickt die Speisekarte. Das gute an Khiva war, dass man die Speisekarte nur einmal für den gesamten Aufenthalt zu lesen brauchte, denn wie wir später herausfinden sollten, hatten alle Restaurants ein praktisch identisches Angebot an Speisen. Unterschiedlich war nur, welche der Speisen gerade in welchen Mengen erhältlich waren. Wer Dill nicht mag ist mit Usbekistan ausserdem schlecht beraten, denn die Speisen wurden damit überschüttet. Als alte Dillliebhaber erfreuten sich unsere Gaumen aber an der usbekisch-touristischen Küche.

Da wir gut in der Zeit lagen, Erholung brauchten und neue Freunde gefunden hatten, entschieden wir uns dazu, den ganzen nächsten Tag in Khiva zu bleiben. Ganz nach unserem Teamnamen Bünzlitrucke zogen wir für die zweite Nacht aber in das sauberere Hotel Islambek, in dem auch die Neuseeländer untergebracht waren.

Auf dem Programm stand eine Besichtigung der Stadtmauern, der Stadt allgemein und das Melonenfestival, welches zufällig an diesem Tag stattfinden sollte. Nachdem uns eine Frau im Tourismusbüro die Stelle genannt hatte, an der wir die Mauern erklimmen konnten, machten wir uns frohen Mutes auf den Weg und freuten uns, dass wir die miserablen Strassen für einmal zu Fuss überqueren konnten. Eine Mauer aus Lehm hat nicht viele Vorteile, aber einer davon ist, dass man sich ganz leicht ein Souvenir davon abbrechen kann. Kein Wunder also, gleicht die Mauer einer Dauerbaustelle, die nur in sehr begrenztem Rahmen begehbar ist. Die Aussicht über die Stadt ist trotzdem schön.

Nachdem wir zu Mittag gegessen, weitere historische Sehenswürdigkeiten begutachtet und ausserhalb der Mauern eine unglaublich günstige SIM-Karte erworben hatten, wurde es schon langsam Abend. Für Touristen gab es in Khiva drei Preisklassen: Eine Einheimische, eine für asiatisch, sowie eine für europäisch aussehende Leute. Wir umgingen die Zusatzkosten, indem wir auf einen Besuch des Islam-Khodja-Minaretts verzichteten. Dafür stürzten wir uns in das Getümmel des Melonenfestivals. Dies bot getreu seinem Namen einige grosse Melonen, die kunstvoll aufgetürmt wurden. Dazu gab es einen jungen Rapper, der auf der Bühne seine Lippen zu einem aufgezeichneten Song bewegte. Live-Musik scheint in Usbekistan ähnlich geächtet wie ebene Strassen oder unterschiedliche Speisekarten. An diesem Abend gesellten wir uns beim Abendessen zu den beiden Neuseeländern, mit deren sarkastischen Art wir uns gut angefreundet hatten. In diesem Restaurant sassen wir traditionell auf Teppichen und schauten ein paar Usbeken beim Tanzen und Musizieren zu, bis wir unsere Gerichte erhielten. Eine weitere Besonderheit von Usbekistan war die Servier-Reihenfolge der verschiedenen Speisen. Diese war nämlich komplett zufällig und so konnte man nur hoffen, gleichzeitig mit den anderen essen zu können. Auch das Konzept von Vorspeise und Hauptspeise scheint zwar in den touristischen Speisekarten, aber noch nicht ganz bei den Köchen und Bediensteten angekommen zu sein. Am Ende des Abends waren immerhin alle versorgt und zufrieden. Wir machten uns auf den Weg zurück zum Hotel, denn einer der Neuseeländer wollte bereits um 5 Uhr morgens aufstehen, um Fotos der Stadt zu schiessen. Wir schliefen lieber etwas länger und träumten von all den Dingen, die da noch kommen mögen.